Unterwegs in Rodgau ohne eigenes Auto

Natürlich hatten wir ein Auto. „Grenzenlose“ Mobilität war auch für uns ein scheinbar selbstverständliches Grundrecht. Immer öfter stellten wir uns – auch mit Blick auf Umweltschutz und Parkraum – die Frage, ob wir für die Bewältigung unseres Alltags wirklich ein eigenes Auto benötigen, das wir in aller Regel für kurze Strecken nicht brauchen. Wir sahen, dass es die meiste Zeit in der Garage stand.

Es dauerte einige Jahre, bis wir bereit waren, uns von einem eigenen Auto zu verabschieden. Letztendlich überzeugte uns eine aufgestellte Vollkostenrechnung. Wir prüften kritisch, für welche Zwecke das Auto für uns notwendig ist. Das Ergebnis war keine Überraschung: Für den Umstand, scheinbar unabhängig zu sein, ist ein Auto zu teuer. Trotz dieser Erkenntnis zögerten wir, das Auto zu verkaufen – man könnte es ja doch mal brauchen. Nach einem Jahr des Hin und Her haben wir es tatsächlich geschafft. Das Auto ist verkauft, es fühlt sich gut an. Seit nahezu zwei Jahren sind wir jetzt autofrei.

Unser Mobilitätsverhalten im Nahbereich ist weitgehend auf Zu-Fuß-Gehen und Radfahren umgestellt. Die meisten Geschäfte des täglichen Bedarfs (Bäcker, Metzger, Einzelhandel) sind ohne Auto gut zu erreichen. In Rodgau sind die Wege kurz. Selbst in seiner längsten Ausdehnung – in Nord-Süd-Achse – kann man die Strecke von Weiskirchen bis Nieder-Roden mit dem Fahrrad innerhalb von 20 – 30 Minuten zurücklegen. Für größere Einkäufe, die sich nicht mehr einfach per Korb oder Einkaufstasche transportieren lassen, gibt es die Möglichkeit Gepäckträgertaschen am Fahrrad anzubringen, sodass man auch ohne weiteres den Wocheneinkauf unterbringt. Für richtig große Einkäufe oder schwere Lasten kann ein Fahrradanhänger eine gute Alternative darstellen. Hiermit haben wir gute Erfahrungen gemacht. Selbst Gehwegplatten oder Gartenerde konnten wir ohne Probleme über zwei Stadtteile hinweg transportieren.

Wir waren überrascht, wie leicht uns die Umstellung gelang. Die Bewegung an der frischen Luft machte nicht nur sehr viel Freude, sondern wirkte sich auch positiv auf unsere Gesundheit aus. Wir sind weniger krank und fühlen uns sehr viel fitter. Je öfter wir aufs Rad steigen, desto leichter fallen uns selbst weite Strecken.

Zunehmend fiel uns auf, in welch schlechtem Zustand die Infrastruktur für zu Fußgehende und Radfahrende in Rodgau ist. Gerade die Hauptverkehrswege sind von Autos zugestellt und es wird wenig Rücksicht auf schwächere Verkehrsteilnehmer:innen genommen. Wir vermissen autofreie Zonen mit guter Aufenthaltsqualität: Es macht keinen Spaß z.B. durch den Ortskern von Jügesheim zu schlendern. Zu viele und zu schnell fahrende oder wild parkende Autos bedeuten nicht nur eine Gefahr, sie verhindern auch die Lust am Schaufensterbummel bzw. den spontanen Schwätzchen mit anderen Rodgauer:innen.

Im Gegensatz zum Auto bietet das zu Fuß gehen oder mit dem Rad fahren die Möglichkeit sozialer Kontakte. Während ich im Auto in einer isolierten Box sitze und möglichst schnell von einem Punkt zum anderen hetze, kann ich als Fußgänger:in achtsam meine Umgebung wahrnehmen. Kurze oder auch längere Begegnungen mit Nachbar:innen sorgen für Wohlbefinden und soziale Interaktion. Auf Spaziergängen gibt es Situationen des Genießens der Natur, des Innehaltens und des Besinnens.

Das Fahrrad verbraucht für den Betrieb keinen fossilen Brennstoff, es erzeugt keine Abgase und es ist nahezu geräuschlos. Ein Fahrrad verbraucht wenig öffentlichen Raum zum Parken. Es zerstört keine Bürgersteige und für Radwege wird weniger Fläche versiegelt.

Schlechtes Wetter ist eine Ausrede. Es gibt nur wenige Tage im Jahr, an denen es besser ist, das Fahrrad stehen zu lassen. Selten sind die Straßen/Fahrradwege so vereist, dass ein Befahren zu gefährlich wäre. Für Regentage haben wir uns Schutzkleidung angeschafft.

Natürlich gibt es Situationen in denen wir ein Auto nutzen. In diesem Fall greifen wir auf einen Mietwagen zurück oder nutzen ein Taxi. Mehrfach haben wir mit guten Erfahrungen die E-Autos, die über die Stadtwerke angeboten werden, gebucht. Diese stehen mittlerweile in allen fünf Stadtteilen. Rodgau ist in einer absolut privilegierten Lage. Die Stadt ist gut an die S-Bahn angeschlossen. In allen Stadtteilen gibt es Bahnhöfe. Wir kennen keine Stadt im Kreis Offenbach, die eine ähnliche Dichte von S-Bahnhöfen vorweisen kann. Der ÖPNV ist unseres Erachtens besser als sein Ruf und wir nutzen ihn gerne. Anstatt im Stau zu stehen oder einen Parkplatz zu suchen, können wir uns in der S-Bahn ganz entspannt der Zeitung widmen oder auch die Nachrichten auf dem Handy checken.

Auch Kinder haben automatisch mehr Bewegung, da das Elterntaxi quasi entfällt und sie sich früh ans Radfahren oder die Fortbewegung mit öffentlichen Verkehrsmitteln gewöhnen. Selbst der Hund lässt sich lieber im Fahrradkorb den Wind um die Nase wehen oder fährt im Zug bis an die Nordsee, anstatt bewegungslos im Auto die lange Reise über sich ergehen zu lassen.

Als Fazit können wir sagen: autofrei zu leben bedeutet einen deutlichen Zugewinn an Lebensqualität.